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Die Taiwan KOM Challenge: Der Everest für Radsportler
27 Juni 2016 - Leben
Die Taiwan KOM Challenge: Der Everest für Radsportler

Worte von: Kasper Ankers

Die Besessenheit begann vor 2 Jahren, als ich 6 Monate in Taipei, Taiwan als Austauschstudent verbrachte. Unter der Woche studieren und am Wochenende durch die Dschungel-ähnlichen Berge, die um Taipei herum lagen, fahren. Normalerweise würde man nicht denken, dass Taiwan und Radfahren optimal zueinander passen, aber eigentlich ist Taiwan ein riesiger Gebirgszug. Um die 70% der Insel ist bergig. Es gibt über 200 Gipfel, die über 3,000 Meter hoch sind – das Land ist wahrhaftig ein Paradies für Radsportler.

Am Wochenende die kleinen Gipfel erstürmen und die Teefelder um Taipei entdecken war fantastisch. Eine wunderschöne ländliche Natur mit steilen, schön gepflasterten Straßen – es hätte einfach nicht noch besser kommen können, oder? Und ob! Es konnte noch besser werden. Ich habe schon immer nach den härtesten, steilsten und längsten Anstiegen gesucht. Als ich mir das Profil des Taiwan KOM anschaute, wurde mir bang. Vom Meerespiegel bis zu unglaublichen 3275m brauchte es nur 105 km. Die ersten 95km hatten einen durchschnittlichen Anstieg von 7% mit einer 4 km langen Abfahrt, bevor der “echte” Anstig bei Dayuling begann – bei einer Höhe von 2565 Meter. Der Anstieg der letzten 8 km hatte einen Durchschnitt von 17% mit einer kurzen Steigung von unglaublichen 27.3 %. Leider nahm ich nicht am Rennen im Jahre 2013 teil. Ich sah die strapaziösen Fotos der Fahrer, die im Regen und in der Kälte leiden mussten, während sie den Berg hinauffuhren. Ich verließ Taiwan, ohne das Rennen gefahren zu sein. Beim Anblick von Fahrern, die so sehr litten, hatte ich meine Zweifel, ob ich jemals wieder zurückkommen würde um dieses Rennen zu fahren. Zwei Jahre später war ich wieder zurück.

Renntag: 30. November 2015

Ich wachte um 4:00 bei einem kristallklaren Himmel auf. Ich hatte mein C59 am Morgen noch einmal extra überprüft – Ich vermute, dies ist eine Gewohnheit vor Rennen. Als ich mich an das Wetter vor zwei Jahren erinnern musste, wurde ich nervös bei der Wahl meiner Reifen. Da es wolkenlos aussah, ließ ich die 23mm Challenge Criteriums drauf. Der Steinschlag in der Schlucht birgt große Risiken für Reifenpannen. Also nahm ich vorsichtshalber einige 25mm Gatorskins mit. Ansonsten war ich auf die Campagnolo Record Kurbegarnitur (50-34) und eine 12-29 Kassette mit einem Paar Zipp 303 angewiesen, um mich entlang und über die steilen Hänge zu ziehen.

Da ich dieses Rennen seit mehr als 2 Jahren erwartet hatte, freute ich mich eigentlich darauf, dass es nun endlich los ging. Normalerweise hasse ich es, wenn die Rennen am frühen Morgen beginnen und fühle mich unruhig, aber hier war ich entspannt und wollte einfach nur anfangen. 12000 km von zu Hause (Kopenhagen, Dänemark) entfernt zu sein bedeutet, dass es schwierig ist das gewöhnliche Frühstück zu bekommen. Ich hatte einige Reisbälle, Bananen und Yoghurt in der Nacht zuvor gekauft und versuchte so viel zu essen wie möglich. Das Rennen began um 6:30 Uhr. Ich verließ das Hotel um 5:15 um mich anzumelden. Draußen war es immer noch stockdunkel und eine frische Meeresbrise grüßte uns bei der Anmeldung. Ich wärmte mich für 40 Minuten auf, während die Sonne über dem Meer aufging und die riesigen Berge am Horizont warteten.

Es versammelten sich immer mehr Fahrer an der Startlinie. Entweder sahen sie konzentriert oder ängstlich aus. Dieses Jahr hatte das Taiwan KOM Leute wie Omar Fraile, den zweifachen Gewinner John Ebsen, den Taiwanesischen Straßenchampion Chun-kai Feng (Lampre-Merida) und Lasse Norman Hansen (Cannondale-Garmin) eingeladen. Die gemischte Menge aus professionellen Fahrern, ambitionierten Amateuren und Alltags-Fahrern, die sich an der Strecke versuchen wollten, sorgte für eine ganz besondere Atmosphäre. Der Gewinner konnte ein Preisgeld von € 28,000 gewinnen, so dass es gute Gründe dafür gab, sich auf das Rennen zu konzentrieren. Die ersten 18 km waren neutralisiert, aber immer noch bei einer unruhigen Geschwindigkeit. Roller fuhren immer wieder vorbei und überholten das Peloton. Sobald die Rennflagge fallen gelassen wurde, setzten die ersten Fahrer zum Angriff an. Mein Rennplan bestand darin, mich dem Anstieg in eigener Geschwindigkeit anzunähern und mich so lange wie möglich an die Führungsgruppe zu hängen – und dabei nicht vor jenen letzten 8 km auszubrennen. Das Peloton verteilte sich schnell und einige Fahrer verloren den Anschluss. Die Straße hoch durch die verdrehten Schluchten lässt viele Nadelöhre entstehen, so dass Fahrer am Ende komplett anhalten müssen. Dadurch unterteilte sich das Peloton in mehrere Gruppen. Ich befand mich in der Vordergruppe neben dem Profi Lasse Norman, einem anderen Dänen. Wir unterhielten uns kurz und er warnte mich, dass nun der steile Abschnitt kommen würde. Gerade als wir auf den steilen Streckenabschnitt zufuhren, sprang meine Kette ab. Ich legte sie wieder auf und fand wieder Anschluss an die Gruppe. Lasse hatte ein breites Grinsen auf seinem Gesicht und lachte. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Das Tempo war hoch und ich konnte bereits die ersten 35 km des stetigen Anstiegs spüren. Nachdem wir durch einen weiteren der unzähligen Tunnel gefahren waren, stießen wir auf einen erneuten steilen Anstieg. Dieses Mal entschied ich mich, mich nicht treiben zu lassen, um Energiereserven einzusparen. Ich verlor den Anschluss an die Führungsgruppe und fand mich bald mit sechs anderen Fahrern zurück. Unter ihnen auch die Vorjahressiegerin Marg Fedyna. Wir sechs fingen an uns nach vorne zu arbeiten und leisten dabei eine gute Team-Arbeit. Das gab mir ein bisschen Zeit, um die atemberaubende Aussicht zu erblicken und die unglaublich schöne Landschaft auch wirklich zu genießen. Die Marmorwände in den Schluchten ragten hunderte von Metern über uns und fielen gewaltig in die Tiefe. Es war genauso, die es die Medien beschrieben – wie etwas aus Jurassic Park.

Jedes Mal, wenn wir durch einen Tunnel fuhren, entstand eine gewisse Nervosität in der Gruppe. Sie war nicht beleuchtet und Felsen und Wasser fielen von der Decke. Nach der ersten Wasserstation, schloss sich uns ein schneller Japaner an. Ihm gelang es unsere Teamarbeit aufzuteilen und er zerlegte unsere Gruppe in 4 Fahrer. Die Geschwindigkeit wurde angezogen und plötzlich befanden wir uns wieder in einem Rennen. Wir fuhren für die nächsten 20 km zusammen. Dabei ließen wir einige der Fahrer, die nicht mehr in der Führungsgruppe mithalten konnten, hinter uns. Kurz vor km 84 setzte der Japaner aus unserer Gruppe zum Angriff an und schmiss sich vollends in die Abfahrt. Ich folgte ihm nicht und versuchte während der Abfahrt zu essen und trinken. Während ich noch dachte, dass die Abfahrt für die wohlverdienten Erholung sorgen könnte, war tatsächlich das Gegenteil der Fall. Eine 4 km lange Abfahrt nach einem Anstieg von 84 km sind ein Albtraum für die Beine. Außerdem stellte sich heraus, dass die Abfahrt technisch anspruchsvoll war und ich bei einer der Serpentinen erschrak. Nach all dem Anstieg bei einer Geschwindigkeit von 24-27 km/h verwirrte mich die plötzliche Abfahrt mit 60 km/h komplett. Ich hatte es gerade noch geschafft einen Sturz zu vermeiden. Von dem Moment an entschied ich mich, keine Risiken mehr bei der Abfahrt einzugehen. Ich verlor die Gruppe and fuhr nun allein. Bei der Annäherung an das, was die erfahrenden Fahrer den “wirklichen” Anstieg nennen, das sind die letzten 10 km, fühlte ich mich angeschlagen. Ich dachte weiterhin positiv und versuchte, die herrlichen Aussichten auf die vielen Gipfel und verdrehten Schluchten zu genießen.

Die letzten schweren Kilometer

Die letzten 8 km waren ein Alptraum. Im Zickzackkurs fuhr ich die inkonsistente Steigung hinauf. Auf meinem Garmin sah ich, dass dort zwischen 12-16 % stand. Es gab wenig Zeit zur Erholung, bevor der nächste Anstieg mir plötzlich einen Schub gab. Meine Art zu denken änderte sich vollständig. Ich befand mich jetzt im Überlebens-Modus. Ich wollte einfach nur zur Spitze gelange. Ich konnte an nichts Anderes denken. Auf den kleinen Abstiegen oder flachen Abschnitten konnte ich den Gipfel sehen und tatsächlich die Kommentatoren hören, wie sie etwas ankündigten. Alle 100 Meter sah man Zeichen. Ich erinnerte mich, wie ich sie herunterzählte. Die Ziel lag genau vor mir, aber es fühlte sich an, als wäre es eine Ewigkeit entfernt. Ich fuhr nach 4 Stunden, 10 Minuten und 10 Sekunden über die Ziellinie. Ich wurde 53. im Gesamtklassement und 6. in meiner Altersgruppe (20 bis 30 Jahre). Ich war komplett erschöpft, körperlich und emotional. Der Taiwan KOM ist der Everest der Radsportler und sollte auf der Wunschliste jedes Radfahrers stehen.

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